Bürgerbeteiligung (II) - Verfahren

Wie man Bürgerbeteiligungsverfahren NICHT organisieren sollte, macht ein Beitrag im PlaceMatters' Blog deutlich, in dem - ironisch - Tipps gegeben werden, wie man Beteiligung definitiv zum Scheitern bringt:

  1. Das inhaltliche Ergebnis schon vor dem Start festlegen
  2. Die Diskussion auf jene Optionen begrenzen, die man im Vorfeld  entschieden hat
  3. Es so einrichten, dass die Phase zwischen dem öffentlichen Beteiligungsprozess und der finalen Entscheidung eine black box ist
  4. Experten von außerhalb einbeziehen, die das Vertrauen der Bürgerschaft nicht besitzen
  5. Mit der Haltung auftreten, dass die am Prozeß beteiligten Bürger dumm sind.

Bürgerbeteiligung (I) - Einkommen und Bildung

Daten über die Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf die politische Partizipation liefert Sebastian Bödeker in einem Artikel für die WZB-Mitteilungen 134/Dezember 2011.

Danach sind einkommensschwache Bevölkerungsteile bei allen Formen der politischen Beteiligung  unterrepräsentiert.

Untersucht wurden die folgenden Aktivitäten:

  • Kritischer Konsum
  • Teilnahme an öffentlichen Diskussionen
  • Teilnahme an Unterschriftensammlungen
  • Online-Protest
  • Teilnahme an Demonstrationen
  • Wahlteilnahme
  • Arbeit in Bürgerinitiativen
  • Mitarbeit in einer Partei

Untersucht man die Beteiligung nach dem Bildungsabschluss, so zeigt sich auch hier, dass Bürger mit Hauptschulabschluß/keinem Abschluss bei politischen Aktivitäten massiv unterrepräsentiert sind (außer bei der Wahlteilnahme). Besonders wenig vertreten sind Bildungsferne beim Online-Protest (s. S. 27).

Das Fazit des Wissenschaftlers: "Die Einführung und vermehrte Nutzung direktdemokratischer Verfahren (...) wird allein an dem eigentlichen Problem wenig ändern. (...) Wird die soziale Dimension vernachlässigt, könnten institutionelle Reformen sogar zu einer weiteren Verschärfung sozialer Selektivität beitragen" (Bödeker  2011, 28).

 

Socialbar Stuttgart gewinnt den Stuttgarter Bürgerpreis

Die Socialbar Stuttgart, zu deren Gründungsteam ich gehöre, hat in dieser Woche den Stuttgarter Bürgerpreis der Bürgerstiftung in der Kategorie "Innovation" gewonnen. Gemeinsam mit meinen Mitstreitern Harald Amelung vom Coworking-Space Stuttgart, Johannes Brehme, Hubert Mayer, Tim Strebe und Daniel Weber nahmen wir den Preis im Porschemuseum entgegen, im Rahmen einer Feierlichkeit mit rund 400 Gästen. Anwesend waren u.a. viele engagierte Bürger, ehemalige Preisträger, die  Vorstandsvorsitzende der Bürgerstiftung, Frau Dr. Breuninger, der Stuttgarter Oberbürgermeister, die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Landesregierung, Frau Erler, lokale Unternehmen und viele andere mehr.

Der Stuttgarter Bürgerpreis wurde in den Kategorien  Nachhaltigkeit, Innovation und Kultur verliehen. Dazu die Bürgerstiftung Stuttgart: "Mit dem Bürgerpreis ehren wir seit 2003 herausragendes bürgerschaftliches Engagement. Ehrenamtliche Arbeit, die das Leben in unserer Stadt lebenswerter macht, und die so oft im Stillen geschieht, erhält neben den ausgelobten Geldpreisen auf diesem Weg die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die sie verdient."

Gewürdigt wurden bei der Socialbar Stuttgart ihr Vernetzungsansatz und die Nutzung Sozialer Medien. Dass die Zivilgesellschaft und die gemeinnützigen Organisationen einer  stärkeren Vernetzung bedürfen, ist unbestritten. Angesichts knapper Ressourcen macht es Sinn, diese zu poolen, Ideen zusammenzutragen und nach Synergien zu suchen. Das Internet kann hierbei eine wichtige Rolle spielen. Wir wollen dies durch unsere Arbeit zeigen.

Der Preis, über den wir uns sehr freuen, weil er uns auch mit einem kleinen Budget ausstattet,  ist Ansporn für uns, am Ball zubleiben, weiterzumachen und noch stärker in die Praxis einzutauchen, - vielleicht auch durch die Übernahme eines eigenen Projektes. Wir haben jetzt im Team viel zu bereden und zu planen.

Die nächste Socialbar findet am 29. 11. 2011 zum Thema "Inklusion - Stuttgart für alle!" statt. Hier ist die Einladung. Wir wollen gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen über den Stand der Inklusion in Stuttgart sprechen. Und darüber, wie man das Internet zur besseren Koordination und Information in dem Themenbereich nutzen könnte.

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Online-Volunteering

Mein Bloggerkollege Hannes Jähnert hat mich um ein Feedback zu der Broschüre "Management von Online-Volunteers" gebeten, die er gemeinsam mit Lisa Dittrich unter der Mitarbeit von Thomas Kegel (Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschlands) verfasst hat.

Über die allgemeinen Verdienste der Veröffentlichung haben sich schon andere geäußert. Ich möchte direkt ein paar inhaltliche Punkte ansprechen:

1. Online-Freiwilligentätigkeir wird in der Broschüre definiert als Tätigkeit, die u.a. "teilweise oder komplett über das Internet (...) geleistet wird" (S. 55).  Diese Definition bzw. das "teilweise" ist mir persönlich zu weit gefasst. Heutzutage ist für viele Menschen und Vereine das Internet ein alltägliches Hilfsmittel geworden. Zumindest Mails verschicken doch die meisten. Ist also jeder, der seine ehrenamtliche Arbeit auch über Mails koordiniert, automatisch ein "Online-Volunteer"?

Ich habe den Begriff "Online-Volunteering" oder "Online-Freiwilligenarbeit" bisher für ehrenamtliche Tätigkeiten benutzt, die weitgehend über das Internet erbracht werden. Dies schliesst Offline-Kontakte und -Treffen nicht aus, - aber entscheidend für die Begriffswahl ist die Tatsache, dass die Tätgkeiten hauptsächlich online erfolgen. Ich würde also ganz klar zwischen Online-Volunteering und einem lediglich internetgestützten Bürgerengagement, in dem das Internet zur wechselseitigen Kommunikation und Koordination eingesetzt wird, unterscheiden.

Neue Formen des Engagements, die das Netz hervorbringt, könnte man - wie es die Studie von Rauschenbach (2011) macht - durchaus als "Engagement 2.0" bezeichen, auch hier würde ich nicht den Begriff "Online-Engagement" wählen, der mir zu internetlastig ist.

2. Das Freiwilligenmanagement-Konzept für die Online-Volunteers, das in der Broschüre entworfen wird, lehnt sich sehr an das Freiwilligenmanagement-Konzept der Akademie für Ehrenamtlichkeit an. Immerhin wird betont, wie wichtig die "institutionelle Passung" (S. 21), also die laufende Anpassung einer Freiwilligenorganisation ist, um den "Ansprüchen, Bedürfnissen und Wünschen ihrer Engagierten gerecht zu werden" (Jähnert et al. 2011, 21). Das scheint mir ein etwas anderer Akzent zu sein, als der des Management-Konzepts der Freiwilligenakademie. Ob die Hoffnungen, die auch von Jähnert in Engagementvereinbarungen und Policies gesteckt werden, sich für die Freiwilligen bewähren, oder ob diese Instrumente von den Zielen der NPO dominiert sein werden, steht noch dahin.

Unabhängig von semantischen Fragen ist das Online-Volunteering ein wichtiges Phänomen, dem in Zukunft noch mehr Bedeutung zukommen wird. Die Perspektiven, die es immobilen Menschen bietet, sind großartig. Und es ist auch mit Hannes' Verdienst, wenn das Thema heute größere Kreise zieht als noch in der jüngsten Vergangenheit.

 

 

 

Freiwilligenagenturen in Deutschland - Zahlen und Fakten

Über den Nachrichtendienst "Aktive Bürgerschaft aktuell" wurde ich auf eine Arbeit von Karsten Speck und Holger Backhaus-Maul aufmerksam, die im Auftrag des Familienministeriums eine Studie über die Ausbreitung und Strukur von Freiwilligenagenturen in Deutschland erstellten.Die Kurzzusammenfassung der Studie (NDV, Juli 2011) ist über den Nachrichtendienst als pdf-Datei erhältlich.

Freiwilligenagenturen sind Backhaus-Maul und Speck zufolge ihrem Anspruch nach nicht nur Vermittlungsstellen für ehrenamtliche Tätigkeiten, sondern auch Promotoren des Themas 'bürgerschaftliches Engagement' (S. 303). Ihre Zahl wuchs im letzten Jahrzehnt kontinuierlich:  2001 gab es 190 Freiwilligenagenturen deutschlandweit, 2009 schon 360 (S. 305). Angesprochen fühlen sich von den Agenturen mehrheitlich Frauen (71%) und Senioren (60% vs. 40% in der Altersgruppe 14-19) (S. 304). Die Vermittlungsangebote der Agenturen  konzentrieren sich eher auf die Bereiche Soziales und Bildung.

Mit Unternehmen, die Engagementangebote suchen, arbeitet die Mehrzahl der Agenturen nicht zusammen. Corporate Citizenship scheint hier ein Randthema zu sein. Auch die Entwicklung neuer Engagementangebote und die Erschliessung neuer Engagementgruppen steht nicht im Mittelpunkt der Arbeit.

Freiwilligenagenturen haben ganz unterschiedliche Träger. Unterschiedlich ist auch ihre finanzielle und personelle Ausstattung. Die Hälfte der Agenturen arbeitet mit einem Jahresbudget bis zu 10.000 Euro (S. 305). Die Foscher kommen zum Fazit dass "ein grundlegendes Spannungsverhältnis von Freiwilligenagenturen als intermediäre Organisationen mit einem vielversprechenden Leisitungspotenzial einerseits und einer prekären Institutionalisierung andererseits" existiert (Backhaus-Maul/Speck 2011, S. 306).

In vielen Orten sind die Freiwilligenagenturen bzw. ist das bürgerschaftliche Engagement (noch) kein Thema, dem größere Bedeutung beigemessen wird. Aber selbst, wo diese Wertschätzung von kommunaler Seite existiert, muss einer Agentur kein Erfolg beschieden sein. Denn sehr relevant ist auch die eigene Profilbildung und Professionalisierung der Einrichtungen. Und hier, zeigt die Studie, haben viele Agenturen noch ein Defizit, das ihre Weiterentwicklung beeinträchtigt.

 

 

Stillschweigen oder Kritik - das Dilemma staatlich geförderter Nonprofit-Organisationen

Die finanzielle Abhängigkeit großer Teile des Dritten Sektors vom Staat macht es für diesen schwierig, staatliche Politiken und Kürzungen offen zu kritisieren. Es regiert die Angst, bei den nächsten Verhandlungen um Mittel von staatlicher Seite dafür abgestraft zu werden. Diese Problematik thematisiert ein Artikel des Guardian angesichts der wachsenden Anzahl von Nonprofit-Mitarbeitern in Großbritannien, die im Internet über die Folgen der staatlichen Sparpolitik für ihre Einrichtungen berichten - aber nur anonym.

Immerhin gibt es zwei Versuche des britischen Dritten Sektors, über Organisationsgrenzen hinweg die staatlichen Kürzungen auch öffentlich zu machen. Die Webseite voluntarysectorcuts.org.uk sammelt im crowdsourcing-Verfahren Sparbeispiele, die in einer Karte visualisiert werden. Bis jetzt wurden 185 Kürzungs-Fälle gemeldet in Höhe von über 39 Mio. Pfund. Auch der schottische Dritte Sektor thematisiert im Rahmen der Kampagne State of the Sector die Folgen der öffentlichen Sparpolitik für Nonprofit-Organisationen.

Unabhängig davon wird über die grosse finanzielle Abhängigkeit vieler NPOs von der öffentlichen Hand, die erhebliche Risiken birgt, noch zuwenig diskutiert. Ein Kommentator des Guardian-Artikels bringt die Problematik auf den Punkt:

" (...) my anger is also directed at the management and trustees who allowed the charity to become so dependent on one source of funding. Despite acknowledgement of the risk this posed some years ago, action to mitigate the risk fell far short of what I would personally consider the bare minimum of what trustees should do.

I think the biggest lesson that all charities can learn - and it is being learnt in the hardest possible way - is to remember that we should NEVER be in hock to one funder. My personal ideal would be that no funder should contribute more than 25% of a charity's revenue. Particularly, government - not just because their agenda can change dramatically - but because all charities need to be able to openly criticize government policy. We have a duty to speak up for the clients who use our services and if we are not as vocal or as forceful as we know we should be, because we are trying to argue with our main funder, we are failing the most important people - those who need our services."

Welche Wirkung haben Bürger-Webseiten, die auf die lokale Ebene zielen?

Ende 2010 erschienen die Ergebnisse eines britischen Forschungsberichtes über die Wirkung von lokalen Webseiten in Bürgerhand, die auf den örtlichen Raum abzielen, d.h. auf Vorgänge, Aktivitäten und Gemeinschaften auf lokaler Ebene.Zu diesen Webseiten zählen örtliche Online-Communities, Blogs, die sich auf ein bestimmtes Viertel beziehen, lokale Informations- und Diskussionsplattformen usw.

Die Online Neighbourhood Networks Study untersuchte 160 Bürger-Webseiten im Grossraum London und interviewte über 500  Personen (mehr zum Forschungsdesign hier). Sie entwirft eine Typologie von lokalen Bürgerwebseiten und sortiert sie in ein Schema, das nach zivilgesellschaftlichem Zweck und Häufigkeit der Online-Interaktion fragt.

Neighbourhoodstudy
Quelle:(Flouch/Harris 2010, S. 2)

In der Kurzzusammenfassung der Studie sind die wichtigsten Ergebnisse zu lesen: die lokalen, nachbarschaftsorientierten Webseiten verstärken die Bindung zwischen den beteiligten Menschen und bauen soziales Kapital auf. Bürger, die sich auf den online-Seiten engagieren haben das Gefühl, auf lokale Entscheidungen besser Einfluß nehmen zu können. Dreiviertel der Befragten sind der Ansicht, dass die Partizipation auf der Webseite die Partizipation der Bürger offline fördert. Die bürgerschaftlichen Webseiten mit lokalem Bezug sind speziell auch für jene Menschen attraktiv, die sich anonsten in keiner lokalen Gruppe engagieren.

Die Diversität der Nutzer ist noch verbesserungswürdig. Es dominieren auf den Webseiten bestimmte Milieus, d.h. das "bridging social capital" der Seiten bzw. das soziale Kapital, das Brücken zwischen unterschiedlichen Gruppen schlägt, ist noch ausbaufähig. 

Wo sich die örtliche Verwaltung und Stadträte auf die bürgerschaftlichen Webseiten einlassen, verbessert sich das Verhältnis zwischen Bürgern und Verwaltung. Dies bietet die Chance für Koproduktionsprozesse, d.h. für die Einbindung von Bürgern in die Planung und Erstellung öffentlicher Leistungen.

Empowerment von Menschen "am Rand" durch Social Media

Social Media bieten all jenen Themen und Gruppen "am Rand" , die in der Öffentlichkeit nicht sehr präsent sind (oder hier gar nicht vorkommen), die Chance, sich über das Internet den öffentlichen Raum zu erobern. Ein gutes Beispiel hierfür ist die amerikanische Seite We are visible, die obdachlose Menschen ermuntert, Social Media-Instrumente zu nutzen, um öffentlich zu sprechen und gesehen zu werden. Es ist ein Aufruf und ein Hilfsangebot an die Obdachlosen, sich mit und in der digitalen Öffentlichkeit zu vernetzen.

Da viele Obdachlose in den lokalen Hilfseinrichtungen Zugriff auf das Internet haben oder selbst einen Internetzugang besitzen ("people aren't used to the 21st Century Homeless People, who have laptops and mobiles..."), ist eine Teilnahme am Online-Diskurs möglich.

Es ist wichtig für die Menschen "am Rand", sich offensiv in den öffentlichen Raum einzubringen und nicht beiseite zu stehen. Wie eine Social Media-Nutzerin auf der We are visible-Plattform schreibt: "Nothing is more powerful than our stories (...) Social media and blogs are how and where we tell our stories. Stories connect us to the world".

Initiiert wurde die Seite von Mark, einem ehemals Wohnsitzlosen, der sich in seinem Blog haRdLy NOrMal ganz dem Thema Obdachlosigkeit in den USA widmet, mit Videos und Interviews mit Betroffenen und Helfern.

Erwähnenswert in diesem Kontext ist auch das Netzwerk Homeless Nation aus Kanada, das von Obdachlosen für Obdachlose gemacht wurde. In Deutschland gibt es immerhin die Seite Berber-info. Mehr zum Berber-Info im nischenThema-Blog von Ina Müller-Schmoss, die unermüdlich versucht, Themen und Menschen am Rand ins Internet zu bringen, - nicht nur in technischer Hinsicht (wie digitale Inklusion oft (miss)verstanden wird), sondern vor allem auch in die bestehenden Online-Diskurse (das gehört zur digitalen Inklusion nämlich dazu).

3. Socialbar in Stuttgart

(download)

Morgen findet die 3. Socialbar in Stuttgart statt.
Thema: Vernetzung von Jung und Alt. : Generationenübergreifender Dialog in und für Stuttgart.
Wir wollen nach drei Kurzvorträgen einen halbstündigen Workshop machen, d.h. im Rahmen eines World-Cafés Ideen der Teilnehmer/Innen zu den vorgetragenen Themen und Fragen sammeln.

Falls es in Ihrer Stadt noch keine Socialbar gibt, dann gründen Sie doch eine. Suchen Sie Mitstreiter über die Seite http://socialbar.de/wiki/Hauptseite und beginnen Sie vor Ort mit der Vernetzung von Bürgern und zivilgesellschaftlichen Organisationen und Sozialunternehmen.

Empowerment durch Open Data?

In einem lesenswerten Blogbeitrag weist Dan Mcquillan auf die Grenzen von Open Data-Projekten hin. Über die Euphorie angesichts von Projekten wie data.gov und data.gov.uk dürfe man nicht aus den Augen verlieren, dass Daten allein Menschen nicht automatisch ermächtigen, sondern dass es menschliches Handeln braucht, um mit Hilfe von Daten die Gesellschaft zu verändern. Oder wie es in einem Kommentator zum Beitrag heißt:"Data don't fix society; people fix society".

Eine wichtige Voraussetzung für Empowerment ist der der geschulte Umgang der Menschen mit den Daten, ansonsten können breite Schichten und insbesondere benachteiligte Gruppen nicht von den offenen Daten profitieren. Laut Mcquillan zeigen die derzeit auf der Basis von data.gov.uk entwickelten Applikationen kein emanzipatorisches Potential.

Auch die immanenten Grenzen der Verwaltungsdaten selbst - die kulturellen Werte, den ethnischen oder sozialen Hintergrund den sie abbilden - müsse man immer mitbedenken und kritisch reflektieren. Mcquillan zitiert das Counter-Cartographies Collective (3Cs):"data sources often come so tightly bound up with state politics, white supremacist racial policies, definitions of family structure, etc., that queering them might require more conscious work than we always put in".

"Opening up data is a technocrat friendly activity whereas empowering communities is messy and difficult", schreibt Mcquillan, - aber genau um die Bildung/Schulung/Ermächtigung von Bürgern - speziell auch den benachteiligten - muss es gehen. In einem verlinkten Artikel wird die These aufgestellt, dass die Daten-Kompetenz der Bürger mit der Masse der veröffentlichten Daten wachsen wird. So wie man Büchereien und Bibliotheken geschaffen habe, um Bürger zu bilden, so brauche man nun Open Data Portale, damit Bürger den Umgang mit offenen Daten lernen könnten.

Ich denke nicht, dass sich das Empowerment von Bürgern durch Daten automatisch bzw. allein durch die Menge der Daten ergeben wird. Wichtig ist die Diskussion und Analyse der Daten im Rahmen sozialer Interaktion und Kommunikation. Am überzeugendsten finde ich deshalb den Vorschlag, communities zu schaffen, in denen sich Bürger untereinander und mit Experten über Daten austauschen können, - so wie es Bücherclubs, Literaturkreise usw. gib, um den Zugang zu Literatur bzw. Bibliotheken zu fördern. Aber auch dies sind Treffpunkte, zu denen benachteiligte Menschen nicht automatisch finden werden.